#metoo. Ich bin auch frustriert.

Ich muss da jetzt mal was rund um die ganze #metoo-Debatte loswerden… lang hab ich nicht mehr dazu gesagt als eben „Ich auch“. Ich hab auch schon Belästigung erfahren, ui, Wunder. Aber jetzt nimmt diese ganze Debatte eine Richtung an, bei der ich nicht mehr still halten kann.

Ich hab mir gerade einen Tag nach Aussendung die letzte Folge Pro&Contra im Stream angeschaut, rund um #metoo und Nina Prolls #notme – zwei Worte fehlten in dieser gesamten Diskussion schmerzhaft auffällig:
1) Empathie (mit den Frauen nämlich, die sich nicht wehren können, aus welchen Gründen auch immer, und die über ein anderes Selbstbild verfügen als erfolgreiche Schauspielerinnen, die auch mit ihrer Weiblichkeit hervorragend spielen können). Es wurde zwar angesprochen, ging aber komplett unter in einem „Nein, ich hab recht, weil Männer sind so und so“-Geplänkel, bei dem mir bereits das Mittagessen wieder bis kurz unter den Gaumen raufwanderte.
und unglaublich wichtig:
2) KONSENS!!!!!!!
Das Wort KONSENS kommt fast nicht vor in der öffentlichen Diskussion. Dabei ist es doch furzeinfach: Lieber Mann, wenn ich will, dass du mir auf den Arsch greifst, dann lass ich dich das merken. Glaube mir, ich liebe das Spiel der Flirterei sehr, und du wirst es merken. Wenn ich nichts Derartiges signalisiere, dann lass deine Klebln von mir. Und nein, ein Lächeln allein ist keine Einladung. Und nein, trial and error ist NICHT der richtige Weg in diesem Fall. Mal ausprobieren, und wenn ein Nein kommt, dann ist ein Nein eben ein Nein…. da ist es dann oft schon zu spät.
Frauen sollten nicht in die Situation gebracht werden, nein sagen zu müssen. So viel Empathie sollte man doch wohl auch Männern zugestehen können, dass sie nicht gar so deppert sind und körpersprachliche Signale interpretieren können. Aber ich komm vom Thema ab: KONSENS ist das Zauberwort, im Idealfall gepaart mit einem weiteren wunderbaren Thema: RESPEKT!
Ein drittes Wort wird oft genannt, aber für meinen Geschmack mit noch viel zu geringem Gewicht: MACHT. Welcher Mann grapscht eine Frau an, gibt ihr verniedlichende Namen, liefert kurz nach dem ersten Hallo vor versammeltem Publikum Kommentare, was er jetzt gern mit ihren Brüsten machen würde, der es wirklich darauf anlegt, mit dieser Frau in der Kiste zu landen? Ich bin ja nicht immer überzeugt, dass Menschen im Allgemeinen vernunftbegabt sind, aber SO deppert könnens dann doch nicht sein. Nein, da geht es um Macht. Um ein klares Feststellen der Hackordnung im Rudel. Und diese Machtspiele sind das eigentliche Problem.
Himmelnochmal, ist das so schwer zu verstehen???? Müssen Frauen jetzt anfangen, Männern in der Ubahn im Vorbeigehen an den Arsch zu greifen, müssen Frauen männliche Arbeitskollegen verbal sexualisieren, um Macht zu demonstrieren, müssen Frauen Männern jetzt k.o. Tropfen in den Drink mischen, damit sie sie willenlos abschleppen können, damit ENDLICH MAL VERSTANDEN WIRD, wovon Frauen reden in der #metoo-Debatte? Echt jetzt? Braucht es wirklich dieses Kindergartenniveau „aua du tust mir weh, wenn du mich zwickst, schau ich zwick dich auch, jaa, das tut weh, gell?“ Nach der Puls4-Diskussion habe ich diesen Eindruck. Dieses „mimimi-wir-Männer-dürfen-nix-mehr-sagen“-Gerede der Kerle dort war mehr als nur unerträglich, diese OpferTäter-Umkehr bringt mich zum Kotzen.
Und könnten wir bitte endlich, endlich, endlich die grundsätzliche Systematik, die hinter Belästigungen steckt, sprechen, als darüber, ob und wem „alte, reiche Männer“ (allein schon die Formulierung von Pilz selbst!!! Waaarghh!!) bsoffen in den Ausschnitt fallen? Können wir die dahinterliegenden patriarchalen Machtstrukturen diskutieren? Können wir darüber reden, woher es eigentlich kommt, warum solche Übergriffe als Kavaliersdelikt (auch diese Formulierung muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen) gesehen werden? Können wir über Gleichberechtigung, Respekt und wertschätzenden Umgang reden? Und über gelernte Verhaltensweisen von Frauen und Männern?
Die von vielen Frauen brechen dank der aktuellen Diskussion gerade ein winzig kleines bisschen auf, wie hoch der Lerneffekt bei Männern ist, kann ich nicht beantworten, und ganz im Allgemeinen widerstrebt mir dieses „Die Männer sind so, die Frauen sind so“-Verallgemeinerungs-Küchentischpsychologie-Gelabere seit Jahren. Aber: Die Machtstrukturen, die Belästigung erst möglich machen, gibt es, das kann man nicht wegdiskutieren. Und sollte #metoo eine Verbesserung der Situation für Frauen bringen, dann bitte auf ganz, ganz tiefliegenden strukturellen, patriarchalen Machtebene (diesen Beitrag dazu find ich übrigens sehr schlau).
Da gehört diese Diskussion nämlich hin – und für alle zum Mitschreiben: Das hat nichts mit Männerhass zu tun. Nur weil ich als Frau den Anspruch stelle, dass mein Stück vom Kuchen gleich groß ist wie das eines Mannes, und strukturell für alle Frauen einen selbstverständlichen respektvollen Umgang auf Augenhöhe mit Männern einfordere, heißt das nicht, dass ich ihnen den Schwanz abschneiden möchte! Hey, ihr dürft eure Schwänze alle behalten, ehrlich, nie im Leben würd ich einem Kind sein liebstes Spielzeug wegnehmen wollen, also warum sollt ich das bei euch tun wollen? Ich möchte nur, dass gesehen wird, dass es nicht fair ist, sich aufgrund des Geschlechts (ich muss den jetzt auch bringen: de facto aufgrund des Gemächts… ja, der muss sickern..) Macht selbst zuzuschreiben. Geschlecht passiert, das entscheiden wir nicht – genauso, wie wir nicht entscheiden, ob wir in Wien, Damaskus, Dallas oder Yamoussoukro auf die Welt kommen, und welche Haut- oder Augenfarbe wir haben. Männlichkeit als Geschlecht ist kein Machtgrund per so – nur leider ist genau das in unserer Gesellschaft institutionalisiert, und jetzt, wo es aufbricht, finden Scheindebatten rund um die „Bedrohung“ der Männer statt.
Meine etwas frustrierende Vermutung ist: Der Lerneffekt von #metoo wird in ein paar Wochen bei genau null liegen, wenn weiterhin permanent Einzelfälle diskutiert und fast schon lustvoll seziert werden. Männer werden sich als Opfer darstellen, dieses Argument mit den prominenten, armen Opfern von Weinstein bis Pilz argumentieren, und Frauen werden umso weniger über ihre übergriffigen Erlebnisse reden, weil sie sich denken: Boah, das tu ich mir fix nicht an.
Mich juckt seit ein paar Tagen, eine ganz persönliche #metoo Geschichte zu erzählen – mit einem Mann aus der linksgrünen Szene passiert, de facto rechtlich relevant, über Belästigung weit hinausgehend, und von mir erst nach Wochen wirklich realisiert worden, WAS das eigentlich für eine übergriffige Katastrophe war. Danach wiederum wars mir wochenlang peinlich, das ich selbst das in der Situation nicht überrissen habe und nichts gesagt, mich nicht gewehrt, dem Typen nicht den Schädel abgerissen habe. Das kann ich ja nicht öffentlich sagen, bitte wie steh ich denn dann da, ich, die goscherte nunu, mir passiert sowas – vor mir selbst ists mir peinlich! Nicht vor anderen. Er war ein Arschloch, ich habe draus gelernt, mir passiert das fix nie wieder, ohne dass ich gleich und nachdrücklich reagiere.
Aber auch ich stell mir jetzt grad die Frage: Bringts was, etwas zu sagen, die Geschichte zu erzählen, den Kerl zu outen (der meiner Vermutung zufolge sich genau null bewusst ist, dass er Unrecht begangen hat)? Was hat es für einen Sinn, einen weiteren Einzelfall ins Rennen zu hauen und damit noch dazu Gefahr zu laufen, in eine Opferrolle gesteckt zu werden, in der ich mich jetzt – Monate nach dem Vorfall – selbst nicht mehr sehen möchte?
Mich interessiert keine Rache, kein „Ha, ich hol mir Gerechtigkeit“, passiert ist passiert! Mich interessiert nur: Bitte in welchem System hat dieser Mann gelernt, dass das, was er getan hat, in Ordnung ist? Und diese Frage würde ich auf allgemeiner, gesellschaftspolitischer Ebene gerne diskutiert sehen. Ich sehe diese Diskussion durch den Weg, die die mediale Berichterstattung sowie die Stimmung in den Sozialen Medien gerade geht, genau gar nicht erfüllt.
Und das ist ehrlich gesagt fast noch schlimmer der Vorfall selbst. Mich würd nicht wundern, wenn in nicht allzuferner Zukunft eine 25 Meter hohe Killerwelle eines Backlashes auf uns zurollt.

 

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